Original ukrainische Folklore und Jazz

Plakat_240Ein vergleichbares Konzert des Ensembles Mlynochok fand im Juni 2025 inWörthsee statt. Hier die Eindrücke vom Musikjournalisten Michael Fuchs-Gamböck (Dießen)

UKRAINE-KONZERT - WO SIND SIE HIN, DIE BLUMEN?Da stehen sie also auf der Bühne, die fünf Ukrainerinnen und Ukrainer sowiedrei in Frankreich lebende russische Staatsbürger, an diesem Mittwoch, dem 9.Juli, auf den Bühnenbrettern im Veranstaltungssaal des „Kirchenwirt“ in Wörthsee.Verunsichert wirkend und fest mit der Erde verankert, gleichermaßen. In wechselnden Kombinationen trägt das Oktett Volksweisen seiner Heimat mit den Themenkomplexen „Frieden“, „Krieg“ und Hoffnung“ vor.Letztlich geht es an diesem Abend darum zu demonstrieren, dass Russen und Ukrainer nicht nur gegeneinander Krieg führen können, sondern einfach nur wunderschöne Musik zusammen machen.

Auch der Vibraphonist Rainer Szalata aus Wörthsee und seine frischangetraute Ehefrau, die in München lebende russische Flötistin Eva Ivanova-Dyatlova, sind ebenfalls Teil des Programms.Sie bringen Jazzstandards zu Gehör – Volkslieder der neuesten Generation. Diese spiegeln exakt dieselben melancholischen bis tieftraurigen Gefühle wider wie das traditionelle Liedgut. Nur aus einer anderen Zeit und einem anderen Land. Der Jazz steht mit einem Mal im Vordergrund. Entstanden aus den Erfahrungen der Ausgrenzung, Sehnsucht und des unbedingten Freiheitswillens. Letztlich eine Musik der Versöhnung.

Zur Historie der Combo: Die ukrainischen Musikwissenschaftler und Folklore-Sänger Aleksander Polyachok und seine Ehefrau Svetlana Kontzedalovabe reisten schon in den 1980 Jahren Dörfer in der Sowjetunion (etwa in demGebiet der heutigen Ukraine). Die Aufgabe war das Auffinden und Erforschen traditioneller Volkslieder.Das Ehepaar entdeckte auf seiner Suche Liedgut, das teilweise seinen Ursprungin vorchristlicher Zeit hat. Es sind Lieder der großen Themen des menschlichen Lebens. Also: Wiegenlieder; Lieder über die Hoffnung, dass derGeliebte aus dem Krieg zurückkehrt; Lieder von Soldaten, die an ihre Familien in der Heimat denken.Diese authentische Folklore aus der Zentralukraine wird seit 2011 durch das Ensemble Mlynochok, wie sich die Formation heutzutage nennt, bei zahlreichen Festivals in der Ukraine und in Polen, aber auch in der Schweiz,den Niederlanden, Frankreich oder den USA im traditionellen Stil aufgeführt,die Tradition dadurch lebendig gehalten. Mlynochok ist ein Symbolbegriff fürSonne, Neubeginn, Frühling und ähnlich Optimistisches. Alexander Polyachok und Svetlana Kontzedalova leiten dieses Ensemble.Aus der Freundschaft mit der musikbegeisterten Familie Szalata aus Wörthsee entstand die Idee, diese Lieder nach Bayern zu bringen. Eingeladen undorganisiert hatte diesen sehr originären Abend der vor kurzem gegründete Verein „Kultur am Wörthsee“ e. V., es war gerade mal seine zweite Veranstaltung.Beim Konzert stand auch die Tochter des Ehepaars, die klassisch ausgebildeteViolinistin Maria Polaczok, im Rampenlicht, um neben anderen Stücken das furchteinflößende Requiem für Violine solo von Igor Loboda zu spielen. Diese Komposition ist den ukrainischen Opfern der dramatischen Krim-Ereignissevon 2014 gewidmet.


Ukrainische Volkslieder und Jazzstandards, das bedeutet an diesem Abendeinen musikalisch geführten Austausch, richtiggehend eine klangliche Konversation, über Zeiten und Grenzen hinweg. Es ist eine Brücke zwischen den unterschiedlichsten Ländern, Generationen und Kulturen.Gegen halb Zehn geht eine originäre, einzigartige und emotional tiefberührende Veranstaltung zu Ende. Finales Stück ist die kultige Hippie-Hymne„Sag mir, wo die Blumen sind“, intoniert auf Ukrainisch, Russisch, Deutsch und Französisch. Im Publikum gibt es kein Halten mehr, leidenschaftlich wird beiden auf Deutsch gesungenen Zeilen in den Refrain eingestimmt. Die Hoffnung stirbt eben doch zuletzt, wie dem Außenstehenden die strahlenden Gesichter verraten. Trotz freien Eintritts sind die Glückseligen bereit, rund 770 Euro für Reisekosten der Akteure zu spenden.Bereits am kommenden Tag machen sich die Ukrainer unter den Musikern auf den Weg zurück in die Heimat. Zurück an den Ort des Krieges, des Grauens.

Michael Fuchs-Gamböck, Juni 2025

 

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